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Diese drei Hobbyhistoriker vom Huchting-Archiv befragen in regelmäßigen Abständen ältere Huchtinger Zeitzeugen und
tragen auf diese Weise dazu bei, dass die Erinnerungen dieser Menschen nicht für immer verloren gehen und so der Nachwelt erhalten bleiben. Von links: Peter Koppo, der die Aussagen zu Papier bzw. in den PC bringt, Horst Rosnau, der im Archiv für die Fotobearbeitung zuständig ist und Rainer Heuer, der in Huchting fast jeden kennt (und vor allem alle Familienalben) und nahezu täglich auf der Suche nach alten Bildern ist.
Der Zeitzeuge Wilfried Wilhelm hat nach dem Abriss der Siedlungshäuser am Heidelmannskamp seine frühere Heimat
immer mal wieder besucht. Dieses Foto entstand in der Zeit nach 1970, als es die Häuser schon nicht mehr gab, sich für einige Jahre aber noch einige Kleintierhalter, u.a. ein Hundeverein, ihr Domizil gepachtet hatten - bis sich im Jahre 1988 dann alles schlagartig veränderte und planiert wurde.

 Das Huchting-Archiv versucht, durch die Befragung von älteren Zeitzeugen, die Geschichte Huchtings zu bewahren, sie in lebendiger Form darzustellen und sie dadurch für die Jüngeren dieser Gesellschaft interessant zu machen.


Heute soll ein früherer Bewohner der Siedlung am Heidelmannskamp zwischen Huchting und Grolland zu Wort kommen. Dieser Bereich hat nur von 1932 bis 1970 Bestand gehabt und musste der Flughafenerweiterung weichen.



Einer der Kinder der ersten Siedler am Heidelmannskamp, Wilfried Wilhelm  hat seine Erinnerungen als Zeitzeuge zu Papier gebracht.

 

Mit diesen Aufzeichnungen sollen Erinnerungen an den Heidelmannskamp wachgehalten werden.

Einst stand hier mein Elternhaus. Meine Kindheit und den größten Teil meiner Jugend verlebte ich in dieser einsamen Umgebung. Viele gute Erinnerungen verbinde ich heute noch mit diesem Fleckchen Erde, gelegen zwischen Grolland und Huchting (Ortsteil Huchting).

In den Jahren 1931 entstand die Siedlung auf einem unwegsamen Wiesengelände, bestehend aus 15 Einfamilienhäusern gleichen Baustils. Erst 1937 baute die Familie im Sande das 16. Wohnhaus.

Es war damals die Zeit der großen Arbeitslosigkeit in Deutschland (ca. 6 Millionen Arbeitslose). Auch mein Vater blieb davon nicht verschont.

Als er 1932 mit dem Bau begann, bezog er eine Arbeitslosenunterstützung von 17,10 RM wöchentlich. Eigenhilfe war hier angesagt. Als gelernter Tischler konnte er vieles realisieren. Der schwere Lehm- und Tonboden sowie der hohe Grundwasserstand machten den Bauherren sehr zu schaffen.

1933 konnten wir unser neues Heim am Heidelmannskamp 18 beziehen, es war das vorläufig letzte Haus dieser Siedlung.

 Die nachfolgenden Aufzeichnungen sollen mehr der Familie gewidmet sein, immerhin bestand diese aus 5 Personen.

Am 29. 8. 1935 wurde mein Bruder Gerhard geboren. Folge: mein kleines Kinderzimmer wurde nun halbiert. Gerade 6 Jahre alt geworden, wurde ich am 1. 4. 38 eingeschult, es war die achtklassige Volksschule in Kirchhuchting.

Nach Ausbruch des 2. Weltkrieges am 1. 9. 1939 blieb auch Bremen in der Folgezeit von britischen und amerkanischen Luftangriffen nicht verschont.  Unsere Klasse wurde am 9. 9. 41 nach Mallnitz in Kärnten evakuiert. Wir blieben dort bis März 1942.

Die Luftangriffe auf Bremen wurden danach immer zahlreicher. Der Unterricht in der Huchtinger Volksschule beschränkte sich auf die wichtigsten Fächer. Oft wurden wir nur 2 Stunden lang unterrichtet.

Im Herbst 1942 folgte eine erneute Kinderlandverschickung (KLV), zunächst privat nach Frauenhain in Sachsen. Drei Monate später ging es nach Gauernitz bei Koswig an der Elbe. Erst  im Februar 1945 kehrte ich nach Huchting zurück.

Im Jahre 1943 war unser Haus während eines Bombenangriffs auf Bremen stark beschädigt worden. Da es nur Baumaterial auf Bezugsschein gab, konnte der Schaden nur notdürftig repariert werden.                                                                             Während meiner Abwesenheit kam meine Schwester Waltraut am 11. 10. 1944 in Fallingbostel zur Welt. Am 8. 5. 1945 ging endlich der Krieg zu Ende.

Unser Grundstück am Heidelmannskamp hatte eine Größe von 4000 qm. Eine staatliche Trinkwasserversorgung hat es dort zu keiner Zeit gegeben. Die Häuser waren so konstruiert, dass das Regenwasser über ein "Schleppdach" aufgefangen und in einer Filteranlage im Keller gesammelt wurde.

Aufgrund unserer abgeschiedenen Lage war das Fahrrad seinerzeit als Verkehrsmittel unentbehrlich. Der Autobus von Huchting in Richtung Neustadt fuhr nur stündlich. Unsere Bushaltestelle am "Grollander Krug" war zu Fuß in 25 bis 30 Minuten zu erreichen. Die Straßen und Wege waren nur zum Teil befestigt. Eine weitere Verkehrsanbindung bestand in der Straßenbahn, damals noch "Elektrische" genannt, nämlich die Linie 5 am Flughafendamm. Unser Fußweg dorthin führte über die gebührenpflichtige "Fünfpfennigbrücke" bei der Sommerwirtschaft "Cafè Finke" an der Ochtum. Durch ein Parzellengebiet am Flughafen gelangten wir zur Haltestelle. Da wir Kinder kein Fahrrad besaßen, benötigten wir für diesen Fußmarsch 50 bis 55 Minuten.

Nach meiner Heirat im Jahre 1959 bin ich dann endgültig ausgezogen. Von meinen Eltern konnte der große Garten mit seinen 4000 qm aus Altersgründen nicht mehr voll genutzt werden. So bot es an, dass meine Frau und ich in den Jahren 1963/1964 im hinteren Bereich des Grundstücks ein massives Gartenhaus errichteten. Für meine 5köpfige Familie war dies in den Sommermonaten eine willkommene Abwechslung. Hier hatten wir unseren zweiten Hausstand und im Sommer den zweiten Wohnsitz.

Bedingt durch die geplante Erweiterung des Flughafens kaufte die Stadtgemeinde Bremen nach und nach sämtliche Grundstücke auf und die Häuser wurden abgerissen. Meine Eltern sind im April 1969 ausgezogen und haben in Moordeich eine neue Heimat gefunden. Auch wir haben unseren Besitz auf dem "Heidel" aufgegeben.

Da der Flughafenausbau zunächst "auf Eis" gelegt worden ist, hat der Staat die Grundstücke in der Folgezeit auf Widerruf verpachtet. Es entstand nun vorrüber-gehend eine Kolonie von Klein- und Großtierhaltern am Heidelmannskamp. Es war eine Oase der Ruhe und Erholung. So auch für Spaziergänger aus Huchting, die über den Heulandsweg durch die Wiesen über unser ehemaliges Domizil zur Ochtum und zum Flughafen wanderten und dabei die Idylle des Heidelmannskamp genießen konnten, ein Stück Naturpark. Doch dieses Naturkleinod sollte nicht ewig Bestand haben.  

Auf Beschluss der Bremischen Bürgerschaft war bis Ende 1991 die Sicherheitszone der Start- und Landebahn an beiden Enden um jeweils 300 m zu verlängern. Dabei war die Ochtum im Wege und sollte in Richtung Huchting verlegt werden. Und zwar genau dorthin, wo jahrzehntelang unser Zuhause war.

Begründung: Für den Zusammbau des Airbusses werden von der Firma MBB die Tragflächen hergestellt. Für den Transport dieser Teile per Flugzeug nach Toulouse in Frankreich sollte eine Verlängerung der Start- und Landebahnen unumgänglich gewesen sein.

Im November 1988 begannen schlagartig die Erdarbeiten an mehreren Stellen, zunächst am Klaukamp und am Wardamm. Anfang Dezember 1988 wird dann auch der "Heidel" das Opfer der Kettensägen, der Bagger und Planierraupen.

Wo einst die Tier- und Pflanzenwelt die Menschen wohltuend beeinflusst hat, ist nur eine zerklüftete Erdoberfläche übriggeblieben. Riesige Mengen Erde und Sand werden bewegt. Auch der Kuhlen bis Cafè Finke und weiter ist davon betroffen; nichts erinnert mehr an die Vergangenheit. Nach Darstellung der Planer soll alles viel schöner werden. Die Neugestaltung sieht vor, Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen zu schaffen. Die Entwicklung bleibt abzuwarten, hoffentlich mit Erfolg.

Wilfried Wilhelm brachte diese Darstellung seiner Erinnerungen im Oktober 1989 zu Papier.

 

Anmerkung des Huchting-Archiv:

 

Aus heutiger Sicht kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass das Opfer der Heidelmannskamper, sich so ohne jeden Widerstand verpflanzen zu lassen, belohnt wurde. Der Park "Links der Weser", der als Ausgleich der Flughafenerweiterung geschaffen wurde, ist ein unbestrittenes Eldorado für Naturliebhaber, Erholungssuchende, Wanderer, Sportler und Spaziergänger geworden. Hier sind die Versprechungen von Behörden und Politikern ausnahmsweise mal nicht im Sande verlaufen. Dem Prestige des ansonsten so gebeutelten Stadtteils Huchting tut diese sehr schöne Landschaft sicherlich auch ganz gut.

Fast 650 Mal sind Huchtings Hobbyhistoriker bereits zusammengekommen.  |  huchtingarchiv@googlemail.com