Das Huchting-Archiv versucht, durch die Befragung von älteren Zeitzeugen, die Geschichte Huchtings zu bewahren, sie in lebendiger Form darzustellen und sie dadurch für die Jüngeren dieser Gesellschaft interessant zu machen.
Heute soll ein früherer Bewohner der Siedlung am Heidelmannskamp zwischen Huchting und Grolland zu Wort kommen. Dieser Bereich hat nur von 1932 bis 1970 Bestand gehabt und musste der Flughafenerweiterung weichen.
Einer der Kinder der ersten Siedler am Heidelmannskamp,
Wilfried Wilhelm hat seine Erinnerungen
als Zeitzeuge zu Papier gebracht.
Mit diesen Aufzeichnungen sollen Erinnerungen an den
Heidelmannskamp wachgehalten werden.
Einst stand hier mein Elternhaus. Meine Kindheit und den
größten Teil meiner Jugend verlebte ich in dieser einsamen Umgebung. Viele gute
Erinnerungen verbinde ich heute noch mit diesem Fleckchen Erde, gelegen
zwischen Grolland und Huchting (Ortsteil Huchting).
In den Jahren 1931 entstand die Siedlung auf einem
unwegsamen Wiesengelände, bestehend aus 15 Einfamilienhäusern gleichen
Baustils. Erst 1937 baute die Familie im Sande das 16. Wohnhaus.
Es war damals die Zeit der großen Arbeitslosigkeit in
Deutschland (ca. 6 Millionen Arbeitslose). Auch mein Vater blieb davon nicht
verschont.
Als er 1932 mit dem Bau begann, bezog er eine
Arbeitslosenunterstützung von 17,10 RM wöchentlich. Eigenhilfe war hier angesagt. Als
gelernter Tischler konnte er vieles realisieren. Der schwere Lehm- und Tonboden
sowie der hohe Grundwasserstand machten den Bauherren sehr zu schaffen.
1933 konnten wir unser neues Heim am Heidelmannskamp 18
beziehen, es war das vorläufig letzte Haus dieser Siedlung.
Die nachfolgenden Aufzeichnungen sollen mehr der Familie gewidmet
sein, immerhin bestand diese aus 5 Personen.
Am 29. 8. 1935 wurde mein Bruder Gerhard geboren. Folge:
mein kleines Kinderzimmer wurde nun halbiert. Gerade 6 Jahre alt geworden,
wurde ich am 1. 4. 38 eingeschult, es war die achtklassige Volksschule in
Kirchhuchting.
Nach Ausbruch des 2. Weltkrieges am 1. 9. 1939 blieb auch
Bremen in der Folgezeit von britischen und amerkanischen Luftangriffen nicht
verschont. Unsere Klasse wurde am 9. 9.
41 nach Mallnitz in Kärnten evakuiert. Wir blieben dort bis März 1942.
Die Luftangriffe auf Bremen wurden danach immer zahlreicher.
Der Unterricht in der Huchtinger Volksschule beschränkte sich auf die
wichtigsten Fächer. Oft wurden wir nur 2 Stunden lang unterrichtet.
Im Herbst 1942 folgte eine erneute Kinderlandverschickung
(KLV), zunächst privat nach Frauenhain in Sachsen. Drei Monate später ging es
nach Gauernitz bei Koswig an der Elbe. Erst
im Februar 1945 kehrte ich nach Huchting zurück.
Im Jahre 1943 war unser Haus während eines Bombenangriffs
auf Bremen stark beschädigt worden. Da es nur Baumaterial auf Bezugsschein gab,
konnte der Schaden nur notdürftig repariert werden. Während meiner Abwesenheit kam meine Schwester Waltraut am
11. 10. 1944 in Fallingbostel zur Welt. Am 8. 5. 1945 ging endlich der
Krieg zu Ende.
Unser Grundstück am Heidelmannskamp hatte eine Größe von
4000 qm. Eine staatliche Trinkwasserversorgung hat es dort zu keiner Zeit
gegeben. Die Häuser waren so konstruiert, dass das Regenwasser über ein
"Schleppdach" aufgefangen und in einer Filteranlage im Keller
gesammelt wurde.
Aufgrund unserer abgeschiedenen Lage war das Fahrrad seinerzeit
als Verkehrsmittel unentbehrlich. Der Autobus von Huchting in Richtung Neustadt
fuhr nur stündlich. Unsere Bushaltestelle am "Grollander Krug" war zu
Fuß in 25 bis 30 Minuten zu erreichen. Die Straßen und Wege waren nur zum Teil
befestigt. Eine weitere Verkehrsanbindung bestand in der Straßenbahn, damals
noch "Elektrische" genannt, nämlich die Linie 5 am Flughafendamm.
Unser Fußweg dorthin führte über die gebührenpflichtige
"Fünfpfennigbrücke" bei der Sommerwirtschaft "Cafè Finke"
an der Ochtum. Durch ein Parzellengebiet am Flughafen gelangten wir zur
Haltestelle. Da wir Kinder kein Fahrrad besaßen, benötigten wir für diesen
Fußmarsch 50 bis 55 Minuten.
Nach meiner Heirat im Jahre 1959 bin ich dann endgültig
ausgezogen. Von meinen Eltern konnte der große Garten mit seinen 4000 qm aus
Altersgründen nicht mehr voll genutzt werden. So bot es an, dass meine Frau und
ich in den Jahren 1963/1964 im hinteren Bereich des Grundstücks ein massives
Gartenhaus errichteten. Für meine 5köpfige Familie war dies in den
Sommermonaten eine willkommene Abwechslung. Hier hatten wir unseren zweiten
Hausstand und im Sommer den zweiten Wohnsitz.
Bedingt durch die geplante Erweiterung des Flughafens kaufte
die Stadtgemeinde Bremen nach und nach sämtliche Grundstücke auf und die Häuser
wurden abgerissen. Meine Eltern sind im April 1969 ausgezogen und haben in
Moordeich eine neue Heimat gefunden. Auch wir haben unseren Besitz auf dem
"Heidel" aufgegeben.
Da der Flughafenausbau zunächst "auf Eis" gelegt
worden ist, hat der Staat die Grundstücke in der Folgezeit auf Widerruf
verpachtet. Es entstand nun vorrüber-gehend eine Kolonie von Klein- und
Großtierhaltern am Heidelmannskamp. Es war eine Oase der Ruhe und Erholung. So
auch für Spaziergänger aus Huchting, die über den Heulandsweg durch die Wiesen
über unser ehemaliges Domizil zur Ochtum und zum Flughafen wanderten und dabei
die Idylle des Heidelmannskamp genießen konnten, ein Stück Naturpark. Doch
dieses Naturkleinod sollte nicht ewig Bestand haben.
Auf Beschluss der Bremischen Bürgerschaft war bis Ende 1991
die Sicherheitszone der Start- und Landebahn an beiden Enden um jeweils 300 m
zu verlängern. Dabei war die Ochtum im Wege und sollte in Richtung Huchting
verlegt werden. Und zwar genau dorthin, wo jahrzehntelang unser Zuhause war.
Begründung: Für den Zusammbau des Airbusses werden von der
Firma MBB die Tragflächen hergestellt. Für den Transport dieser Teile per
Flugzeug nach Toulouse in Frankreich sollte eine Verlängerung der Start- und
Landebahnen unumgänglich gewesen sein.
Im November 1988 begannen schlagartig die Erdarbeiten an
mehreren Stellen, zunächst am Klaukamp und am Wardamm. Anfang Dezember 1988
wird dann auch der "Heidel" das Opfer der Kettensägen, der Bagger und
Planierraupen.
Wo einst die Tier- und Pflanzenwelt die Menschen wohltuend
beeinflusst hat, ist nur eine zerklüftete Erdoberfläche übriggeblieben. Riesige
Mengen Erde und Sand werden bewegt. Auch der Kuhlen bis Cafè Finke und weiter
ist davon betroffen; nichts erinnert mehr an die Vergangenheit. Nach
Darstellung der Planer soll alles viel schöner werden. Die Neugestaltung sieht
vor, Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen zu schaffen. Die Entwicklung bleibt
abzuwarten, hoffentlich mit Erfolg.
Wilfried Wilhelm brachte diese Darstellung seiner
Erinnerungen im Oktober 1989 zu Papier.
Anmerkung des
Huchting-Archiv:
Aus heutiger Sicht kann mit Fug und Recht behauptet werden,
dass das Opfer der Heidelmannskamper, sich so ohne jeden Widerstand
verpflanzen zu lassen, belohnt wurde. Der Park "Links der Weser", der als
Ausgleich der Flughafenerweiterung geschaffen wurde, ist ein unbestrittenes Eldorado
für Naturliebhaber, Erholungssuchende, Wanderer, Sportler und Spaziergänger
geworden. Hier sind die Versprechungen von Behörden und Politikern ausnahmsweise mal nicht im
Sande verlaufen. Dem Prestige des ansonsten so gebeutelten Stadtteils Huchting
tut diese sehr schöne Landschaft sicherlich auch ganz gut.